Den Menschen in den Mittelpunkt zu stellen heißt  auch, Politik vom Subjekt aus zu denken.

Um zu einem begründeten Verständnis dessen zu kommen, was es heißt, den Menschen in den Mittelpunkt der Politik zu stellen (ein expliziter Anspruch der LINKS-Partei), erscheint es mir sinnvoll zu sein, sich auf subjektwissenschaftliche Erkenntnisse darüber zu beziehen, was denn der Mensch oder besser die „menschliche Natur“ denn eigentlich sei. Aus meiner Sicht drängen sich hinsichtlich der Bearbeitung dieser Fragestellungen die Forschungsergebnisse der sog. Kritischen Psychologie (KP)1) geradezu auf, so dass im Folgenden der Versuch unternommen wird, zumindest anzudeuten, in welche Richtung das Nachdenken über die o.g. Fragestellung gehen könnte bzw. müsste. 

Im Begriff der sog. „produktiven Bedürfnisse“ – einem Grundbegriff der KP sowie einer Grundbestimmung der „menschlichen Natur“ – ist bspw. der Tatbestand erfasst, dass im Prozess der Veränderung der naturgeschichtlichen zur gesellschaftlich-historischen Entwicklung im sog. Tier-Mensch-Übergangsfeld nicht nur die Fähigkeit der Menschen zur kooperativer Produktion ihrer Lebensbedingungen, sondern notwendig auch ein Bedürfnis nach Teilhabe an der Gestaltung ihrer Lebensbedingungen entstanden ist. Die Entfaltung dieses Bedürfnisses als spezifisch menschlicher Entwicklungsmöglichkeit hängt nun aber von den jeweiligen gesellschaftlich-historischen Entwicklungsbedingungen ab. In der bürgerlichen Gesellschaft, so U. HOLZKAMP-OSTERKAMP „sind die unmittelbaren Produzenten von der Teilhabe an gesellschaftlicher Realitätskontrolle und kooperativer Integration weitgehend ausgeschlossen und können so eine weitgespannte bewusste Kontrolle über ihre eigenen Lebensbedingungen kaum gewinnen.“ (1990, S. 41). Damit ist dann auch die Entwicklung „produktiver“ Bedürfnisse in gravierender Weise behindert und stellt ein zentrales Moment menschlichen Leidens dar. 

Schon diese erste Bezugnahme auf den Begriff der „produktiven Bedürfnisse“ zeigt, dass diese nicht stellvertretend realisiert werden können, indem ich bspw. meine „Stimme bei einer Wahl abgebe“. Auch eine LINKS-Partei kann dieses Bedürfnis nicht „stellvertreten“, muss vielmehr für verbesserte Entfaltungs-bedingungen dieses Bedürfnisses sorgen (s.u.).

Eine weitere Zentralkategorie der KP ist die der „Handlungsfähigkeit“. K. HOLZKAMP unterscheidet dabei zwischen „restriktiver“ und „erweiterter Handlungsfähigkeit“. In diesen Begriffen ist die doppelte Möglich-keitsbeziehung des Menschen zu seinen gesellschaftlichen Lebensbedingungen gefasst. Für das einzelne Individuum besteht einerseits die Möglichkeit, sich in sog. restriktiver Handlungsfähigkeit einzurichten, d.h. innerhalb bestehender (auch Unterdrückungs-)Verhältnisse zurecht zu kommen2) Erweiterte Handlungsfähigkeit anzustreben, d.h. mehr Verfügung über die eigenen Lebensbedingungen zu erlangen, ist für das einzelne Individuum aus Sicht der KP nicht widerspruchsfrei „zu haben“ und an bestimmte Bedingungen geknüpft, die wiederum Orientierungsrahmen für die Politikgestaltung in der LINKS-Partei sein können.

„Die Alternative der Verfügungserweiterung kann nur insoweit subjektiv begründet/funktional werden, wie das Individuum zugleich mit der Möglichkeit der Verfügungserweiterung auch die Möglichkeit erfährt, die dabei zu antizipierenden Existenzgefährdungen (bspw. Verlust des Arbeitsplatzes etc., K. E-T.) abzuwenden, d.h. durch Zusammenschluss in unmittelbarer Kooperation eine überindividuelle Gegenmacht von der Größenordnung zu gewinnen, die die Gefährdung der je individuellen Existenz aufheben kann.“ (ebenda, S. 373)

Hier ist nicht nur die Ebene der kooperativen Möglichkeiten in Organisationen der Arbeiterklasse ange-sprochen, sondern auch die Ebene der unmittelbaren lage- und positionsspezifischen Verbesserung der eigenen Lebensbedingungen, z. B. der Pflegefachkräfte etc. In gemeinsamer Anstrengung kann die Wahrnehmung einer vermeintlichen Unveränderbarkeit der eigenen Lebensbedingungen durch begreifen-des Erkennen durchbrochen werden. Damit kann sich das ständige Bedrohtheitsgefühl des Ausgeliefert-seins an scheinbar nicht kontrollierbare Lebensumstände ein Stück weit in Richtung des Vertrauens auf die Gestaltbarkeit der eigenen Lebensbedingungen verändern.

Schon aus dem bisher dargelegten ergeben sich m.E. bestimmte Konsequenzen für linke Politikarbeit, die „den Menschen“ in den Mittelpunkt stellen möchte:

1. Das Hauptaugenmerk der LINKS-Partei müsste danach auf der Stärkung und Initiierung von Organisationen, Bewegungen und Initiativen liegen, in denen sich das einzelne Individuum ein Stück weit selbst ermächtigen kann. Hier kann sich das individuelle Subjekt zum gesellschaftlichen Subjekt mit erweiterter Handlungsfähigkeit entfalten. 

2. In konkreten gesellschaftlichen Auseinandersetzungen werden Widersprüche, Widerstände konkret erfahrbar und können bzw. müssen, um handlungsfähig zu bleiben, auf den Begriff gebracht werden. Die Entwicklung begreifenden Denkens wird quasi zwingend notwendig. Hier haben linke „Orga-nizer*innen eine wichtige Aufgabe.

3. In Bewegungen/Initiativen wird der Schein der Notwendigkeit des individuellen Zurechtkommens in bestehenden Verhältnissen in Frage gestellt und kann successive durch das Erlebnis kooperativer Verfü-gungserweiterung ergänzt und ersetzt werden. Linke Organizer*innen können hier bei der Ver- und Bearbeitung auch schwieriger emotionaler Widerspruchssituationen unterstützen.  

4. Die Arbeit in Bewegungen/Initiativen kann helfen, dass die Menschen in bestimmter Weise „gesunden“, indem sie sich in Befriedigung ihrer „produktiven Bedürfnisse“ erleben.

Eine differenzierte Bezugnahme auf die Ergebnisse der KP war hier nicht möglich, könnte m.E. jedoch ein hilfreiches „begriffliches Werkzeug“ für eine Politikgestaltung der LINKS-Partei darstellen, die das Ziel verfolgt, den Menschen in den Mittelpunkt ihrer Arbeit zu stellen.  

Klaus Euteneuer-Treptow 

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1) In der Kritischen Psychologie werden kategoriale Bestimmungen dessen, was die menschliche Natur denn sei, systematisch in einem sog. historisch-logischen bzw. funktional-historischen Verfahren in Anwendung der Methode materialistischer Dialektik herausgearbeitet. Ich kann aufgrund der gebotenen Kürze dieses Artikels nicht auf das auf vielen hundert Seiten entfaltete Ableitungsverfahren von Grundbegrifflichkeiten eingehen, sondern werde mich lediglich auf einige Ergebnisse beziehen.

2) Auf die damit verbundenen Konsequenzen bspw. hinsichtlich der Gestaltung von Beziehungen bis hin zu Fragen der „Selbstfeindschaft“ kann hier nicht eingegangen werden.


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