Wenn wir jetzt sowieso alle zu Hause sitzen, können wir uns ja vielleicht auch ein paar praktischen Fragen der Philosophie und ein paar philosophischen Fragen der Praxis zuwenden. Mein Gegenstand ist das Demokratiedefizit durch die vielen ausgefallenen Kundgebungen wie Ostermarsch, 1. Mai, 8.Mai als „Tag der Befreiung“, 9. Mai Protest gegen Defender oder Proteste gegen die Wirtschaftssanktionen gegen den Iran, beziehungsweise gegen die vor der venezolanischen Küste kreuzenden US-Navy. 

Inwieweit können und dürfen – auch laut Grundgesetz – praktische Aktionen durch virtuelle ersetzt werden? Dazu ein paar philosophische Anmerkungen: 

Ein Wesenszug der marxistischen Psychologie (in der Sowjetunion wurde dafür der Begriff „Sprachphilosophie“ bevorzugt) ist die Erkenntnis, daß Sprechen nicht einfach eine Art phonetisches (=lautgemaltes) Denken ist. Sprache formt, konzentriert, differenziert usw. das Gedachte. Und zwar am besten, wenn Sprechen tendenziell praktisch und  handlungsorientiert erfolgt. Was geschieht denn in einem Menschen, wenn sich eine noch ungeformte Idee in ein Wort einfinden muss, bzw. zu einem „Begriff“ steigert? 

Und was ist „Handeln“? Nur eine schlichte Fortsetzung des Begriffenen? Praktische Zuspitzung kollektiven Sprechens?  Ist „Handlung“ nur einfach – eins zu eins –  in Praxis umgesetztes Denken? Und wie wirkt  Organisation dabei? Was ist Organisation im Unterschied zum Organischen, also zum Spontanen? Und dann wird es ganz kompliziert: was geschieht rückwirkend aufs Denken, also in einem Menschenhirn, wenn organisiert Handelnde a) im Arbeitsprozess und b) im Kampf um die Aufwertung der Arbeitskraft erfolgreich waren?

Der große sowjetische Psychologe Wygotski zitierte 1923 Shakespeare, um den Unterschied zwischen Gedanke und Wort und ihre Dialektik zu verdeutlichen: „Ich habe das Wort vergessen und körperlos taumelt der Gedanke zurück ins Prunkgemach der Schatten“. 

Die Form des Wortes gibt dem Gedanken nämlich eine neue, eine höhere Qualität. Die Form des organisierten Handelns gibt dem Wort nun wieder eine neue und höhere Qualität. Die gemeinsame, solidarische Aktion (besonders, wenn sie von Erfolg gekrönt und mit Lustgefühl gepaart ist) wird für die einzelnen Menschen zum kulinarischen Genuss der neuen Erkenntnis und für die Menschheit zum zivilisatorischen Fortschritt. Deswegen ist in dem Spielfilm „Der junge Marx“ die legendäre „Elfte Feuerbach-These“ häufig, aber leider sehr verkürzt dargestellt („Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert. Es kommt darauf an, sie zu verändern“). Man könnte den Eindruck gewinnen, der marxfreundliche Regisseur Raoul Peck wollte die Philosophen nur auffordern, endlich Flyer zu verteilen o.ä.. Was zwar sinnvoll wäre, aber die berühmte Feuerbachthese philosophisch doch einigermaßen „unterfordert“. 

Eigentlich ist nämlich der dialektisch-materialistische Gehalt von Marx` These, daß die vorgedachte und dann miteinander versprachlichte Handlung – und damit die Veränderung der Welt – das wahre Interpretieren erst ermöglicht und damit auch das wahre Motiv zum Interpretieren und Erkennen erst liefert! (Den Pudding erkundet gründlicher, wer ihn verändert!) 

Also: die Weiterentwicklung von Denken wird weniger vom Unabänderlichen motiviert, als eher von der Veränderbarkeit und von den eigenen Anteilen (von Klasse und Einzelmensch) am verändernden Handeln (was auch wieder Klasse und Einzelmensch verändert). Und es ist auch die praktische Veränderbarkeit, die zum theoretischen Genuss der Erkenntnis einlädt. Deswegen ist die Organisation dabei keine reine Formfrage. Die Organisation der emanzipativen Kräfte ist nicht nur „Orgakram“, sondern entscheidet bis in die Abläufe unserer Parteigremien auch über die Beförderung geistiger Prozesse beim Herstellen von Zusammenhängen. 

Wenn Marx also sagt, die menschlichen fünf Sinne seien (im Unterschied zu den tierischen) „Produkte der Geschichte“, verweist er auf die Beziehung zwischen Sozialität und Psyche, also auch zwischen Politik und Psychologie. Unsere Sprache ist dabei dem ähnlich, was für unser IPad die „Cloud“ ist: Sprache ist ausserhalb unserer Köpfe in Kultur abgelegt, um innen individuell genutzt und herangezogen zu werden – via Erlernen.

Um die Beziehung Gedanke-Begriff-Praxis-Gedanke an einem einfachen Beispiel zu illustrieren: alle Sprachteile sind Worte. Aber nur einige Worte sind Bezeichnungen. Nehmen wir: „Thermoplaste, Duroplaste und Elastomere“. Dies sind Bezeichnungen für die drei Grundarten von Kunststoff. „Kunststoff“ ist also der Begriff über und für diese drei Bezeichnungen. Weil dieser „künstlich“, also synthetisch beziehungsweise halbsynthetisch, hergestellt wird, sollte in dem Begriff „Kunststoff“ auch das Begriffene bei seiner Herstellung aufgehoben sein. Der Prozess des Begreifens des Synthetischen (und eines gewisses erlerntes Gefühl dabei) aber verstärkt sich im praktischen Umgang und besonders in der Veränderung des (Kunst-)Stoffes selbst. 

So, wie praktisch beim beruflichen Umgang mit Stoff und theoretisch mit dem Begriff „Kunststoff“, ist es auch philosophisch mit der Veränderung der Welt, die die Interpretation gesellschaftlicher Zusammenhänge in abstrakten Begriffen spiegelt: „Kapitalismus“, „Imperialismus“, „Lohnarbeit“, „soziale Widersprüche“ etc. Das Begreifen wird erleichtert, wenn dabei die Welt wenigstens in einem winzigen Schritt verändert wird. Dies kann im Arbeitsprozess mit Kunststoff, also der gesellschaftlichen Produktion, geschehen, aber auch im Widerstand der Arbeitskräfte gegen „ihre“ Produktionsverhältnisse in einer Kunststofffabrik. Je geistig vorgedachter und zielorientierter die Prozesse menschlicher Tätigkeiten organisiert werden, desto weniger fragmentiert (= vereinzelt) entschwirren die Puzzleteile von Eindrücken ins Durcheinander. Sind allerdings diese Tätigkeiten in der Praxis gehemmt oder gar lahmgelegt, werden Wirrwarr und Kakophonien begünstigt, also das Herstellen von Zusammenhängen in Hirnen behindert, oftmals also viel geredet, aber wenig gesagt.

Vielleicht merkt ihr das gerade auch selbst. Jeden Tag bekommen wir mehr oder weniger überflüssige News, Mails, WhatsApps etc. zu Krisen-Fakten und Fakes. Jeder, der irgendwas aufschnappt, mailt es dir, mir und anderen – ohne viel Orientierung. Es gibt spezielle Absender, die darin eine nervige Größe entfalten. Das Wissen quillt nach allen Seiten. Nur: du kannst damit herzlich wenig anfangen. Es sind kleine Partikel und Fragmente, die aber nicht zu Zusammenhängen werden. In dieser Gegenwart merken wir, was fragmentiertes Wissen bringt, beziehungsweise nicht bringt, wenn es nicht strukturiert wird, nicht durch Praxis in Bezeichnung, Begriff, Abstrakta und konkrete Vorstellungen unterschieden wird. Es bildet keine Priorisierung, keine Ordnung und damit keinen neuen Gedanken, sondern nur vorüberhuschende Eindrücke. Dies ist das Ergebnis einer nachlässigen Organisierung des Wissens (und seiner Unterdrückung!), welches aber sowohl in einem Seminar, als auch in einem Berufspraktikum, als auch in einer politischen Organisationen praktisch-theoretisch überwunden werden kann. Wichtig ist die Zielorientierung bei der Strukturierung von vereinzelten Aspekten. Die fehlt für eine politische Widerstandsbewegung, wenn sie nicht wirklich Bewegung und damit praktische Erscheinung in der Öffentlichkeit wird.

Zu bemerken war obiger „Effekt“ (schon lange vor der Corona-Epedemie) auch in einer Kreis-Mitgliederversammlung oder Vorstandssitzung. Wo eine Orientierung auf eine praktische Aktion, in der sich der KV solidarisch stärkt und öffentlich aufwertet, nach vorne gestellt wird, haben Nebensächlichkeiten und psychotische Zankereien meist weniger Raum. Aber wenn alle Diskussions- und Tagesordnungs-Punkte, wie Nebensachen, nebeneinander gesetzt gleichwichtig und gleich unwichtig werden, also ohne Priorisierung stattfinden bekommt die Zänkischkeit mehr Raum. Die Struktur einer praktischen Aktion nach aussen ist also auch eine Hilfe für die Struktur der geistigen Prozesse nach innen und vice versa. Eine gute (Partei-)Führung unterdrückt nicht andere, sondert orientiert die gemeinsame Aktion nach aussen und lässt damit die Geschichte nach innen. 

Wir umgehen hier (aus Platzgründen) die kinderpsychologischen Kontroversen um die Prozesse, wie ein Kleinkind Sprache erwirbt, dann Ideologie und/oder realistische Wahrnehmung entfaltet und wie dann Handeln in und an der stofflichen Umgebung den Erkenntnisprozess Heranwachsender gestaltet. Wir empfehlen hierfür u.a. Friedrich Engels großartiges Werk über den „Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen“ (welches Ben Becker gerade zu einer Bühnenlesung zu Engels 200. Geburtstag umgearbeitet hat). Wir fragen hier stattdessen nur nach dem Erwachsenenalter und danach, was mit einem Menschen in Einsamkeit und Abgeschiedenheit von seiner wesensformenden Tätigkeit (in Lohnarbeit, gesellschaftlicher Tätigkeit (z.B. in weniger entfremdeten Emanzipationsarbeit auch in Kultur und Kunst) geschieht.

Was passiert in Hirnen, wenn tagsüber Arbeitskraft, wenn nicht lahmgelegt, so doch isoliert ist?Wenn dann abends nur das verblödende Fernsehprogramm bleibt? Wenn dann sogar kritische Fragen zu Corona-Diagnosen, Therapien und zur etwaigen Überzogenheit restriktiver Maßnahmen massiv erstickt werden? Was geschieht, wenn Menschen, die für Flüchtlinge in Lesbos und anderen Lagern demonstrieren („Leave No-one behind!“) von der Polizei abgeführt werden, obwohl sie die Hygieneauflagen in vollem Umfang eingehalten hatten? Wenn Streikende und Friedensdemos aufs Nirgendwo vertagt werden? 

Anders gefragt: ersetzt das Video ein live-Konzert? Vermag eine virtuelle Konferenz den lebendigen Gedankenaustausch und die persönliche Präsenz einer widerständigen Aktion (samt ihrer Rückwirkung auf Erkenntnis und das bewusste Sein) zu ersetzen? Sozialer Wissens- und Kompetenzerwerb* geschieht bekanntlich in der Dialektik aus Selbstvergewisserung und Verunsicherung von Begriffenem bzw. neuem Begreifen. Jede/r erinnere sich seiner eigenen Biographie: welche Funktion hatten bei ihr/m Aha-Effekte in Widerspruch oder Zustimmung? Oder eine gemeinsame Tätigkeit (auch im Beruf und „an der Werkbank“)? Oder eine politische Widerstandsaktion? Mit einem Wort: Veränderungen der stofflichen oder persönlichen Umgebung? Ergo: ohne gemeinsame Aktion wird Lernen gehemmt. Und ohne Lernen ist die praktische Handlung lädiert. Deswegen haben Lenin und andere Linke dem Streik eine bedeutendere theoretische Entfaltung beigemessen, „als hundert Büchern“. 

So notgedrungen wir also aktuell virtuelle Kommunikationstechnik diverser Plattformen nutzen (müssen), so notwendig bleibt es, so bald als möglich wieder in der Öffentlichkeit gemeinsam aufzutreten und zu agieren! 

Wenn ich nun einerseits für den Ostersonntagabend um 19h eine Friedenskundgebung mit Oskar Lafontaine, Heike Hänsel u.v.a. unter  https://zoom.us/j/5353243215 (Einwahl per Telefon: +49 69 7104 9922 ; Meeting-ID: 535 324 3215) anbiete, finde ich es andererseits noch bewundernswerter und nachahmenswerter, wie sich Andrej Hunko und die Kölner Ostermarschinitiative gegen Polizeiauflagen auflehnen und am Samstag in Köln einen „echten“ Ostermarsch durchführen wollen (https://www.friedenskooperative.de/termine/auftakt-des-ostermarsches-rhein-ruhr-2020-in-koeln). 

Natürlich werden sie die Hygieneauflagen einhalten usw. Aber die Einigung von Münster (https://www1.wdr.de/nachrichten/westfalen-lippe/urantransport-muenster-corona-100.html) weist einen Weg, polizeistaatlichen Druck nicht mehr so umfänglich in widerständiges Denken, in unsere Psyche (per Einschleifen von Untertanengeist) eindringen zu lassen! Und zwar bei Gleichberechtigung von „Risikogruppen“ und ohne Diskriminierung zuzulassen – etwa von Ü-6o-Jährigen (siehe: Nachdenkseiten: https://www.nachdenkseiten.de/?p=59783). 

Wir brauchen uns nicht in vorauseilendem Gehorsam an sämtliche Auflagen der Bundesregierung (zB. für Kapitalgesellschaften) zu halten, wenn wir eigenständig bleiben wollen. Und wir sollten auch nicht nur auf den Zeitpunkt der „Lockerungen“ von oben warten, wenn wir nicht erstarren wollen. Sondern wir müssen uns schnell, kreativ und mutig die Öffentlichkeit – vor allem auch als Aktions- und Lernort – wieder zurückerobern!

  • etwas davon nannte H.E. Richter das „Lernziel Solidarität“ als Kontrapunkt gegen die neoliberal verarmende Egovergötzung

Eine Idee zu “Solidarität in der Isolation – zur Psychologie von Widerstand: Lernort Öffentlichkeit zurückerobern!

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